100 Jahre Novemberrevolution

16.März 2019  Veranstaltung: Brotmarken und rote Fahnen

Frauen in der bayerischen Räterepublik

„Gesprungen und gejubelt haben wir und in die Arme sind wir uns gefallen in jener Nacht,“ schreibt Hilde Kramer über die Nacht vom 7.November 1918 in München als Arbeiter*innen und Soldaten die Wittelsbacher Monarchie stürzen. Sie War ein Pflegekind von Gabriele Kaetzler in Riederau. Beide gehörten zu jenen Tausenden von Frauen, überwiegend Arbeiter*innen, die in den Wochen und Monaten nach dem ersten Weltkrieg für eine befreite Gesellschaft kämpften. Die (männliche) Geschichtsschreibung hat sie übergangen.

Über diese verdrängte Geschichte berichtet Christiane Sternsdorf Hauck auf einer Veranstaltung der Mittwochsdisko in der Buchhandlung Colibri in Dießen, Bahnhofstraße 14, am Samstag, 16.März. Einlass ist ab 19 Uhr, Beginn um 19:30 Uhr

Die Mittwochsdisko ist eine offene Gruppe, die sich regelmäßig trifft, um aus gesellschaftskritischer Perspektive über aktuelle Themen zu diskutieren.

In Kooperation mit: Rosa Luxemburg Stiftung Bayern    Kurt Eisner Verein

Frauen waren seit Ende 1915 maßgeblich an Lebensmittelkrawallen beteiligt, hatten Rathäuser erstürmt und Läden geplündert, denn die Versorgung mit Brot, Holz oder Kohle war nicht nur in den Unterschichten zuallererst Sache der Frauen. Sie trugen die großen Streiks im April 1917 und im Januar 1918, als politische Forderungen aufkamen: ein Ende des Krieges, Frieden und eine
Demokratisierung. Maßgeblich beteiligt waren Frauen an der November-revolution von 1918 und den anschließenden Versuchen, sozialistische Räterepubliken in Deutscchland aufzubauen.

Christiane Sternsdorf Hauck ist eine der ersten, die sich mit dem Thema beschäftigt hat. Eine überarbeitete Neuauflage ihrer Studie über die Frauen in der bayerischen Revolution erschien 2008. Sie fußt auf Gerichts- und Polizeiakten, Dokumenten der Arbeiter- und Soldatenräte, Zeitungen, Memoiren sowie dem Briefwechsel von Gabriele Kaetzler (1872.1954) mit ihren Töchtern sowie Hilde Kramer.

Die als adelige Freifrau von der Goltz geborene Kaetzler hatte sich aufgrund ihrer sozialistischen Anschauungen mit ihrer Familie überworfen und lebte seit 1908 mit ihrem Mann, dem Neuphilologen Gustav Kaetzler, am Ammersee. Der Briefwechsel zeugt von ihrem politischen Interessen, Positionen und Aktivitäten und von alltäglichen Sorgen um ihre sechs Kinder, für die sie nach dem Tod ihres Mannes alleine sorgen musste. Stätestens gegen Ende des Krieges fiel sie den Behörden auf, weil ihr Haus als Treffpunkt namhafter Linker galt.

Die Polizei notiert am 8. Mai 1919: „Von zuverlässiger Seite wird hier mitgeteilt, daß die Familie Ketzler in Riederau am Ammersee Spartacisten sind, was sie öffentlich herumsagen und was allgemein in Riederau auch bekannt ist. Frau Ketzler hat in Eisenbahnwägen und bei den Bauern auf dem Lande Vorträge gehalten und die Bauern aufgehetzt.“

Die Revolten, die im November 1918 begannen und bis 1920 dauerten, richteten sich gegen die Fortsetzung des Krieges und die Kriegstreiber. Die radikale Linke kämpfte für eine Rätedemokratie und eine vergesellschaftete Wirtschaft. Hätte man damals die ostelbischen Junker und Unternehmer wie Krupp und Thyssen enteignet, hätten der faschistischen Bewegung die wichtigsten Unterstützer gefehlt. Aber diese Versuche, eine befreite Gesellschaft zu erkämpfen, wurden blutig niedergeschlagen – von einer SPD-Regierung im Bündnis mit kaiserlichen Generälen und ihren Freikorps, jenen Todesschwadronen, aus denen die SA hervorging.

Literaturtipp: Christiane Sternsdorf Hauk: Brotmarken und rote Fahnen: Frauen in der bayerischen Revolution und Räterepuzblik 1918/19. Mit einem Briefwechsel zwischen Frauen am Ammersee, aus München, Berlin und Bremen, Köln und Karsruhe.

Die nächste Veranstaltung

100 Jahre Novemberrevolution:

Cavalieri Erranti

Revolutionäre Deserteure aus Italien während des Großen Krieges und danach

Vor einhundert Jahren endete der Erste Weltkrieg und nach dem großen Massenmord entwickelten sich revolutionäre Bewegungen in Deutschland, Italien, Österreich und Ungarn. Sie wurden von konservativen, liberalen und sozialdemokratischen Regierungen bekämpft und im Bündnis mit Todesschwadronen und Freikorps niedergeschlagen. Damit begann der Aufstieg des Faschismus in Europa.

Auf einer Veranstaltung der Mittwochsdisko im Hauscafé (Blaues Haus) in Dießen am Sonntag, 2. Dezember, um 20 Uhr wird der Schriftsteller Egon Günther aus Riederau der Lebensgeschichte einiger italienischer Sozialisten und Anarchisten nachgehen, die an den Ereignissen beteiligt waren.

Sie hatten es nach dem Kriegseintritt Italiens vorgezogen zu emigrieren, statt in den Schützengräben zu verrecken. Vielen gingen in die Schweiz oder nach Ungarn und Deutschland. In ihren Gastländern waren diese Emigranten oft weiter politisch aktiv. Ihre Spuren finden sich bei der Besetzung des Vorwärts-Gebäudes im Januar 1919 in Berlin, im Schweizer Landesstreik und in den Kämpfen um die bairische und die ungarische Räterepublik im Frühjahr 1919.

Diese Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Kurt Eisner Verein /Rosa Luxemburg Stiftung in Bayern statt. Ein Flyer mit weiteren Informationen ist angehängt.

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